Castellare di Tonda, Sonntag 6.5.2018

Michaels Wecker klingelt, er macht jedoch keine Anstalten aufzustehen. Mir ist’s recht und ich döse weiter. Wenn nur die kleine Stimme im Kopf nicht wäre, die mir sagt, dass Michael eigentlich um 8.00 Uhr los will. 

Bisher war das nämlich so, dass wenn wir in die Ferien sind, Michael am liebsten schon ganz früh raus wollte und wir dann meist irgendwo ( vor einer Fähre, vor einem wegen Siesta-pause verschlossenen Agriturismo, am Flughafengate oder in einer Hotellobby) erst mal warten mussten.

Heute überrascht er mich. Er ist die Ruhe selbst. Auch gepackt hat er noch nicht. Erst ganz zum Schluss kommt bei ihm doch noch etwas Hektik auf. Ich derweil genieße diese neue Entwicklung. Kein Gehetze, kein Anschnauzen ... wir haben Ferienzeit. So sollte es sein. Und ja, mein Mann ist lernfähig.

9.15 wir fahren los... und wieder überrascht mich mein Mann. Wo wir sonst immer über den San Bernadino fahren, geht es heute durch den Gotthardtunnel. An der neuen Raststätte Gotthard Nord machen wir erst mal halt und genießen ein 2. Frühstück. Das Haus sieht von außen aus als hätte einer mit überdimensionalen, hölzernen Bauklötzen gespielt. Von innen ist es jedoch gemütlich und lichtdurchflutet, modern und praktisch. 

Der Gotthardtunnel ist nach wie vor grässlich und klaustrophobisch. Danach nicke ich ein und komme erst kurz vor Bellinzona wieder zu mir. Vor der Grenze wird nochmals getankt. Eine Frau sitzt in einem Seitenwagen eines Motorrads und sieht aus, als käme sie nicht alleine wieder daraus heraus und als hätte der Fahrer sie vergessen und wär alleine einen Kaffee trinken gegangen. Immer wenn ich einen Seitenwagen sehe, muss ich an den herrlichen Film “ Männliche Kriegsbraut” mit  Cray Grant denken.

Dank Michaels gesammelten Euro- Münzen kommen wir zügig durch die diversen Alt(Maut)- Stationen durch. Unterwegs gibt es das obligate  Panini Buffalina.  Vor Bologna entscheiden wir uns Richtung La Spezia und Meer zu fahren.  Das Wetter wird zwar grauer und ich sehe nur einen kleinen Streifen vom Meer, aber ich bin glücklich. Pinienwälder säumen die Autostrada und machen Michael glücklich. 

Nun geht es ins Landesinnere. Wie üppig und grün doch alles ist. Es ist als hätte Flora selbst ihr Füllhorn ausgeschüttet. 

Es geht über sanfte Hügel und Steineichenwälder und dann sind wir da. Im Castellare di Tonda. Ein beflissener Italiener mit sehr gutem  amerikanischem Akzent erklärt uns an der Rezeption alle Besonderheiten dieses Ortes.Das Castellare umfasst 260 Hektare und 13 Häuser, einen See, Reitstall, Golfplatz und Tennisplätze. 

Wir werden persönlich zu unserem Haus (das Haupthaus)  auf dem Hügel begleitet. Wir haben ein Upgrade erhalten. Anstelle eines Doppelzimmers haben wir ein Appartement mit Küche erhalten. Das Leben meint es gut mit uns. 

Wir richten uns etwas ein und gehen dann essen. Wir hätten die 150 m locker zu Fuß gehen können, sind jedoch zu faul. 

Im Restaurant sind wir, oh Wunder, mal nicht die Ersten. Bedient werden wir von flinken Frauen. Der Maître ist jedoch ein Mann der bloß die Bestellungen aufgibt, die Gäste mit seinem Nichtstun unterhält und sehr wichtig in die Gegend guckt. 

Das Essen ist sehr fein. Wir haben einen solchen Hunger, dass wir ganz vergessen Fotos zu machen. 

Michael hätte gegrillten Peccorino mit Steinpilzen und anschließend mit Trüffel gefüllte Kalbsröllchen und Gemüse, ich, hausgemachte Papardelle mit Wildschweinragu und danach ein Rindstagliata auf Ricola und Tomaten. Das Salat- und Dessert-Buffet lassen wir uns auch nicht entgehen. Einen 2008 Wein des Hauses lassen wir uns aufschwatzen, der ist verbilligt und passt auch hervorragend zu unserem Essen, dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die den bald möglichst loswerden wollen. 

Morgen probier ich einen etwas jüngeren Wein. Obwohl ich erst nicht wollte, gönne ich mir noch den offerierten Grappa. Michael muss gestehen, dass dieser echt nicht im Rachen brennt. Da muss ich wohl ein/zwei Flaschen mit nach Hause nehmen. 

Vollgefressen und müde fahren wir die 150m wieder den Hügel hinan und plumpsen ins erstaunlich harte Bett.

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